Niederbayerische Betonwelt

Der Raum Deggendorf ist ein Beispiel dafür, wie rücksichtslos Landschaft verschandelt wird. Und es kommt noch schlimmer.

Von Hans Kratzer, Deggendorf

An die Südseite des Bayerischen Waldes streckt sich eine Landschaft hin, die den rustikalen Namen Gäuboden trägt. Früher eilte dieser Gegend ein sagenhafter Ruf voraus. Mitsamt ihrem Zentrum Straubing war sie so reich, dass die arme Bevölkerung aus dem Böhmerwald ebendort das Paradies verortete, und zwar in jeder Hinsicht: "Oh mei", seufzten die armen Waldler, "die Straubinger hamm so einen schönen Mondschein, bloß wir hamm einen schiefen."

Der Reichtum der Gäubodenbauern speiste sich freilich weniger aus dem Glanz des Mondes als vielmehr aus den Erträgen der fruchtbaren Lößböden. Gegen diese Kornkammer konnte das übrige Niederbayern nicht anstinken, weshalb es bis in die 60er Jahre hinein als das "Armenhaus Bayerns" galt. Die wirtschaftliche Situation in Ostbayern war tatsächlich desolat. Nicht umsonst hatten die miserablen Lebensbedingungen viele Bürger zur Auswanderung nach München oder nach Amerika gezwungen.

Auch heute kehren manche Bayerwäldler ihrer Heimat den Rücken, meistens aus beruflichen Gründen. Aber in die Ferne ziehen sie nicht mehr unbedingt. Sie verlegen ihren Wohnsitz einfach einige Dutzend Kilometer nach Süden, vor allem in die boomende Gegend rund um Deggendorf, die durch die Autobahnen A 92 und A 3, durch die Donau sowie durch den Eisenbahnknoten Plattling mittlerweile weitaus besser erschlossen ist als viele andere Regionen in Bayern. Zentralstädte wie Regensburg, Passau, Linz und München mitsamt Flughafen sind nun nah herangerückt. Im Raum Deggendorf bündeln sich die Verkehrsströme wie in einem Umspannwerk, bevor sie in alle Himmelsrichtungen weitergelenkt werden.

Gewerbegebiete werden selten dort errichtet, wo sie städtebaulich sinnvoll wären. Sondern dort, wo die günstigste Fläche ist."

Entlang der Autobahnen pulsiert die Dynamik dieser Region besonders stark. Die Landschaften links und rechts der A 3 (Regensburg-Passau) sowie der A 92 (München-Deggendorf) ändern in einer geradezu atemberaubenden Geschwindigkeit ihr Gesicht. Zu den Gemeinden, die von der A 92 durchschnitten werden, gehört der am nordöstlichen Rand des Landkreises Dingolfing-Landau gelegene Markt Wallersdorf, der gut 7000 Einwohner zählt. Auf den Flächen zwischen der Autobahn und der Bahnlinie Landshut-Plattling ragen seit einigen Wochen riesige Betonwände aus der Erde, denen man täglich beim Wachsen zuschauen kann.

Auf einer Fläche von 42 Hektar entsteht hier ein Logistikzentrum des Autokonzerns BMW, der das ökonomische Herz Niederbayerns bildet. Die wohl wichtigste Entscheidung für den Aufschwung der Region war zweifellos der Ausbau des BMW-Werks in Dingolfing in den Siebzigerjahren, heute sind dort fast 20 000 Menschen beschäftigt. Die Arbeitslosenquote in der Region liegt bei zweieinhalb Prozent, sie ist wirtschaftlich in die Top Ten in Europa gerutscht, was auch mit dem Ausbau der Straßen und der Hochschulen zu tun hat.

Für die Gemeinde Wallersdorf ist der Bau des Logistikzentrums der größte Coup ihrer Geschichte. 2000 Arbeitsplätze werden hier entstehen, täglich werden 700 Lkw die riesigen Hallen verlassen. Viele Gemeinden hatten sich für diese Mega-Ansiedlung beworben. "Die Arbeitsplätze sind das A und das O", sagt der Wallersdorfer Kämmerer Theo Eglseder. Natürlich schwingt auch die Hoffnung auf einen Anteil an der Gewerbesteuer mit. Selbst das Haus von Thurn und Taxis hatte sich um das BMW-Logistikzentrum bemüht, es konnte aber in Regensburg nicht schnell genug Bauland bereitstellen.

Die an Autobahnen angrenzenden Kommunen spielen wirtschaftlich mittlerweile in einer Liga, von der sie früher nur träumen konnten. 2o0 Millionen Euro investiert die Firma Dibag Industriebau auf den Wallersdorfer Äckern, BMW wird die Hallen später anmieten. Zum Vergleich: Der Wallersdorfer Haushalt beläuft sich gerade einmal auf 15 Millionen Euro. Entlang der A 92 macht sich eine Goldgräberstimmung breit, fast wie an der A 9 (München- Salzburg), wo ein Gewerbegebiet nach dem anderen aus dem Boden sprießt. Hier wie dort weicht die alte Sakrallandschaft mit brutaler Wucht einer Betonwelt. Die Feldkreuze auf den Wallersdorfer Fluren wirken plötzlich wie ein Anachronismus.

Große Anmut besaß diese Gegend aber auch früher nicht. "Der Gäuboden ist für den Reisenden schwer zu mögen", schrieb die Autorin Renate Just schon vor Jahren. In amtlichen landschaftsplanerischen Gutachten wird der Gäuboden seit langem als monoton und weithin ausgeräumt charakterisiert. Dass die hiesigen Menschen extrem nutzungs- und ertragsorientiert handeln, belegen bereits die Aufnahmen des Fotografen Ferdinand Pöschl (1877-1914), der das bäuerliche Leben in dieser Gegend vor dem Ersten Weltkrieg dokumentiert hat. Seine Bilder zeigen eine ausgeräumte Agrarsteppe, von Idylle keine Spur. "Das Fehlen von Sträuchern, Hecken und Bäumen zeigt, wie sehr das Dorf bereits damals auf maximale Ausbeutung der Ressourcen ausgerichtet war", sagt der Agrarhistoriker Johann Kirchinger.

Heute gibt die Industrie- und Verkehrsagglomeration von Deggendorf und Plattling den Takt für die benachbarten Landgemeinden vor. Industrie- und Hafenanlagen, Gewerbegebiete und Schnellstraßen wuchern immer weiter nach draußen. Die Kommunen sagen, sie wollten nicht nur den Lärm und die Verkehrsbelastung erdulden, sondern von eigenen Gewerbegebieten profitieren. Mittlerweile zeigt sich, dass deren Dimensionen immer öfter diametral zur Größe der Kommunen stehen.

Die neben der A 3 in Richtung Passau gelegene Gemeinde Iggensbach mit gerade einmal 2060 Einwohnern plant gerade ein Gewerbegebiet mit einer Fläche von 90 000 Quadratmetern. Und das mitten im Landschaftsschutzgebiet. Bürgermeister Wolfgang Haider ist zuversichtlich, dass er dafür eine Genehmigung erhält. "Wir brauchen das, um mithalten zu können, um attraktiv zu bleiben." Der Siedlungsdruck nimmt stetig zu. Die Nachbarkommunen haben bereits riesige Gewerbegebiete hingepflanzt, die ersten, wie in Hengersberg, sind schon wieder voll.

Noch 80 Jahre weiter so - und die Gegend ist zugebaut

Regional- und Landschaftspläne verlieren langsam ihre Wirkung, weil Gemeinden und Unternehmen ständig bemüht sind, diese für sie hinderlichen Instrumente auszuhebeln. Die meisten Bürgermeister in dieser Gegend sehnen die von Heimatminister Markus Söder geplante Lockerung des Anbindegebots herbei. Bisher dürfen Gewerbe-Areale nur an bestehende Siedlungen anschließen. Künftig sollen sie auch auf der grünen Wiese gebaut werden dürfen.

"Gott sei Dank", sagt Bürgermeister Haider. "Um Himmels willen", sagen die Naturschützer. Sie befürchten, die Lockerung des Anbindegebots führe zu einer Zerstörung der Landschaft, zu überdimensionierten Gewerbeparks mitten in Wiesen und Wäldern. Dass das Land, wenn es dem Kommerz untergeordnet wird, nicht schöner werden wird, ist rund um Deggendorf idealtypisch zu erleben. Vielleicht hat der Dichter Herbert Achternbusch die Stadt Plattling auch deshalb groberweise "das Nichts" genannt. Aber drum herum schaut es noch viel schlimmer aus. Weite Flächen sind mit Fotovoltaikanlagen zugepflastert, wuchernde Siedlungen verschlingen immer mehr Land. Der Landschaftsarchitekt Georg Kestel hat ausgerechnet, dass es bei anhaltender Entwicklung nur noch 80 Jahre dauert, bis der Großraum Deggendorf-Plattling komplett zugebaut ist.

Kestel beklagt den immanenten Vorrang des Nützlichen vor dem Schönen, der hier zu einer unguten "Verwurstung von Landschaft" führe. "Gewerbegebiete werden selten dort errichtet, wo sie städtebaulich sinnvoll wären. Sondern dort, wo die günstigste Fläche ist", sagt er. Die daraus resultierende Fadesse wird zusätzlich genährt durch eine wenig inspirierte Aneinanderreihung von Baustilen, viele Dorfsiedlungen fransen ohne Ortsabschlüsse in die Landschaft aus.

Bezeichnend für diese gestalterische Orientierungslosigkeit sind für Kestel die Toskanahäuser, die garniert sind mit Erkern, Säulen, Gauben und einer Orgiastik von schrägen Farben. "Die Leute wollen importieren, was ihnen im Urlaub gefallen hat", sagt Kestel. Aber die Häuser wirkten in der Toskana nur wegen des strengen Prinzips so toll: gleiche Dachneigung, gleiches Material, ruhige Dachflächen. "In einem hiesigen Bebauungsplan schafft man das nicht", sagt Kestel. So werde "das Prinzip der Toskanahäuser durch individuelle Auswüchse ins Gegenteil verkehrt . Man klatscht alles zusammen und verliert dadurch alles."

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